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Label: "Wir sind die Wiege der Kultur"

arbeit an der Schönheit

Hans Werner Henze
im Gespräch mit Holger Noltze

Hans Werner Henze ist für ein paar Tage von seinem Wohnsitz bei Rom ins
Ruhrgebiet gereist. Die Intendanten der Opernhäuser, Philharmonien, Ballettkompanien und Festivals des Ruhrgebiets treffen sich zum gemeinsamen Arbeitsgespräch mit ihm. Nach einer langen Weile greift der Komponist zum Mikrofon. Er spricht leise, langsam und dringlich: "Ich nähere mich einer geheimnisvollen Mitte. Ob das gelingt? Nun, ich weiß es nicht. Man fürchtet, man hofft. Ich höre von Ihren Planungen für 2010 und bin bis zur Unaussprechlichkeit gerührt. Meine Vorfahren kommen von hier. Mein neues Werk ist eine Gabe an meine Heimat. Im Grunde bringe ich einen Affekt musikalisch zum Ausdruck." Die Gespräche und Bewegungen im Raum kommen für einen symbolischen Moment zum Stillstand. Und so fragil dieser Augenblick auch ist, so spürbar zieht er seine Energie und Relevanz aus der Aufgabe, um die es geht: um Neue Musik für eine ganze Metropole.
Ist die Arbeit an der Schönheit, Herr Henze, politisch zu verstehen? Wie bringt man junge Menschen zur Musik? Sind Sie gleichmütig gegenüber dem Tod?

Was bedeutet Älterwerden für einen Komponisten, Herr Henze?
Wie ist das?

Menschen geht es ja so, dass sich, wenn sie älter werden, ihr Weltbild
verändert. Man denkt und fühlt und agiert jeden Tag ein bisschen anders.
Je nach Temperatur, Farbe des Himmels, Geräuschen und nach dem,
was man vielleicht geträumt hat. Nicht uninteressant, jedenfalls für den,
der es erlebt.

Wie ist es mit der Arbeit? Wird das Schreiben von Musik leichter, weil
man an Erfahrung gewonnen hat, oder wird es schwerer? Lockert sich
die Hand, oder werden die Skrupel mehr?

Die Skrupel! Ich arbeite jetzt in den letzten Jahren etwa drei Stunden morgens und dann nachmittags meist gar nichts mehr. Ich lese oder gehe spazieren, je nach Wetterlage.

Und der Moment, wo der Bleistift aufs Papier kommt, ist das ein
schwierigerer Moment in fortgeschrittenem Alter, oder ist es so, dass
es auch manchmal einfach fließt?

Kinderleicht, doch, doch.
Aber Sie sagten doch, die Skrupel nehmen zu.
Na, wenn das kinderleichte Tun abgeschlossen ist für den heutigen Tag, dann denke ich darüber nach und finde, dass ich doch noch etwas checken muss am nächsten Morgen.

Wo kommt die Musik her? Sind Sie diesem Geheimnis je auf die
Spur gekommen?

In all den Jahren sucht man eine Erklärung, man schreibt und denkt an
nichts anderes als die Wirkung. Es ist wie eine Forschungsarbeit, die Erforschung eines unbekannten Landes. Aber inzwischen ist es auch so, dass ich körperlich darunter leide, dass es so schwer ist. Man fühlt sich wie
ein Schlittschuhläufer auf einem Eis, das zu dünn ist, und erst am Schluss,
am nächsten Morgen, kann ich auf Erfreuliches zurückblicken und habe
gleichzeitig einen Doppelpunkt für das, was ich heute machen werde
oder möchte.

Als "L’Upupa" fertig war, die Oper für Salzburg, 2003, da haben Sie von der großen Anstrengung gesprochen, die Ihnen das bereitet hatte, und dann kam zu unser aller großen Verblüffung 2007 "Phaedra". Wie war das möglich? Was hat Sie getrieben, dann noch einmal eine große Oper anzugehen?

Die Anfrage war angenehm und schmeichelhaft. Man wird nicht alle Tage
von der Berliner Lindenoper um eine Uraufführung gebeten. Und was
hätte ich sonst den Tag über machen sollen? Lesen, Briefe schreiben,
spazieren gehen?

In die Bäume schauen, Ihrem Wiedehopf zuhören?

Mache ich.

Aber das ist nicht alles.

Nein, zumal der Wiedehopf nur einen Monat lang singt oder anderthalb.

Da bleiben elf Monate, um neue Werke zu schreiben.

So ist es.

Nach "L’Upupa" haben Sie eine gesundheitliche Krise erlebt, die wohl
auch eine seelische Krise war. Sie sprechen im Arbeitstagebuch zu
"Phaedra" von der Gefahr des Abdriftens. Was haben Sie damit gemeint?

Dass man keinen Widerstand leistet. Abdriften, damit meine ich, den Löffel
abgeben. Schluss machen.

War es dann die Arbeit am neuen Werk, die Ihre Lebenskräfte wieder
geweckt hat?

Das weiß ich nicht mehr so genau. Vieles, was man später mit kalter
Nonchalance bespricht, das macht man halt wie eine Rekonstruktion
vom Gewesenen.

In Ihren Briefen an Ingeborg Bachmann schreiben Sie: "Arbeite!
Arbeite! Ich will es!" Da scheint ein protestantisches Arbeitsethos am
Werk. Hat sich daran etwas geändert?

Höchstens insofern, als ich heute besser weiß als vor dreißig oder vierzig
Jahren, was es braucht, um zu leben und nicht umzufallen, nicht abzudriften
oder kaputtzugehen, oder was immer man sagen könnte. Ja, das hat auch
etwas Religiöses, glaube ich.

Im christlichen Sinne?

Im evangelischen Sinne.

Als Sie "Phaedra" fertig hatten, wurde darin ein neuer Henze
erkannt. Da sei eine neue Präsenz spürbar, neues Leuchten in
der Musik, das sei kein typisches Spät- oder Alterswerk, sondern
eher etwas, was nach einem Alterswerk komme. Ist das richtig
gehört worden?

Ich war überrascht, dass diese Reaktionen so vollstimmig waren, und habe
mich natürlich sehr darüber gefreut. Der erste Akt von „Phaedra“ ist gut
geschrieben, man merkt, der Komponist kann was, hat etwas zu sagen. Doch dann kam meine Erkrankung, und es lagen fast zwei Jahre zwischen dem ersten und dem zweiten Akt. Als der begonnen wurde, hatte das auch etwas mit Genesung zu tun, mit der Freude, noch da zu sein. Dass es dann so schön klingt, wie es das tut, und dass es meinen Freunden und auch den Nachbarn gut gefällt, das hilft, hält jung, macht jung.

Stört es Sie, dass, wann immer Sie was Neues machen, in den Medien
von einem "finalen" Werk geschrieben wird? Es besteht ja offenbar
unstillbare Sucht nach einem Opus ultimum?

Das stachelt mich an.

Dann kam eine Kantate fürs Gewandhaus Leipzig: "Elogium musicum
amatissimi amici nunc remoti". Zu den verschwundenen Geliebten
gehört Ihr Lebensgefährte Fausto Moroni, der gestorben ist. Sie haben sich dafür einen lateinischen Text schreiben lassen. Warum?

Es sollte zum Ausdruck kommen, dass das Thema des Todes ein universelles
ist, nicht nur eine persönliche, mich allein betreffende Angelegenheit. Das
auch mir fremde Latein erscheint in dieser Komposition wie eine neue Sprache, sehr lebendig, lebendiger als das Italienische oder das Deutsche. Jetzt arbeite ich aber wieder an Sachen in deutscher Sprache.

Braucht die Kunst das Indirekte?

Ja, das denke ich.

Braucht sie auch Diskretion?

Ja, gerade in einem Fall wie dem, von dem das Stück handelt. Es geht ja um
mein Leben und meine Umwelt und vielleicht auch um meinen betroffenen
und nicht gerade fröhlichen Zustand durch diesen Tod.

Ein Kritiker meinte, das sei Musik, die klinge, als ob ein großer Künstler den Frieden mit sich und der Welt gefunden hat. Hat er recht?

Es ist sehr schön, so etwas zu hören, und recht hat er auch.

Aber wir bewegen uns zwischen Klimakatastrophe und Wirtschaftskrise. Reagieren Sie darauf, womöglich mit Musik?

Als Künstler sollte man sein Bestes tun, um Gegenwerte zu offerieren.
Ich stelle mich zur Verfügung als Vertreter des Optimismus, aber manchmal
denke ich, dass es ein Glück ist, dass ich nicht noch zehn oder zwanzig
Jahre alt bin. Das Leben ist doch recht schwer.

Woher nehmen Sie dann Ihren Optimismus?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es zu Ende geht mit einer Welt, die so schön ist und so reich an positiven Werten Die Menschen sind doch ein anbetungswürdiges Geschlecht, voller Stimmungen und Gefühle, von großer Erfindungsgabe, schönheitsbedürftig. Und was sollte einer wie ich sonst auch machen?

Mitte der sechziger Jahre sind Sie sehr nah an die politische Aktualität
herangegangen. Sie haben "Die Bassariden" geschrieben, als große
Oper, und ein Oratorium für Che Guevara. Rudi Dutschke war bei
Ihnen zu Hause, den haben Sie gepflegt und auch ein bisschen versteckt. Wie blicken Sie heute auf diese politisch bewegte Zeit zurück - als etwas Vergangenes, Abgeschlossenes, Romantisches?

Ich wollte immer bei den Menschen sein, im Leben der Menschen und nicht
am Rande mit vornehmen Abwendungen. Es war mir sehr wichtig, mein
Denken und mein Schreiben und mein Tun einzubringen in einen größeren Kontext, um mich nicht allein in dieser irrsinnigen Zeit bewegen zu müssen. Außerdem hat das, was ich gemacht habe, mit einem Lernprozess zu tun.

Was haben Sie dabei gelernt?

Dass man sein Herz offen halten muss für jene Menschen, die leiden und es
noch schwerer haben als man selbst.

Vermissen Sie heute politisches Handeln bei jüngeren Komponisten
oder Künstlern?

Mir gefallen die am besten, die versuchen, auf die Realität unserer Zeit eine
klare Antwort zu haben oder zu suchen. Das Verweilen im Elfenbeinturm
missfällt mir.

Und trotzdem sind Sie selbst immer ein Schönheitssucher gewesen.
Als die Mehrheit Ihrer Kollegen gesagt hat, man müsse jetzt nach
bestimmten Normen komponieren, da haben Sie weiter von der
Klanglichkeit, von der Sinnlichkeit der Musik her gedacht. Das konnte
das Missverständnis provozieren, dass Sie im Elfenbeinturm des
Ästhetizismus tätig sind.

Ich würde mich dort langweilen.

Ist die Arbeit an der Schönheit politisch zu verstehen?

Ja. Das ist unsere Aufgabe als Künstler.

Die Kulturhauptstadt 2010, das Ruhrgebiet, ehrt Sie mit einem Henze-
Schwerpunkt. Haben Sie einen Bezug zum Ruhrgebiet? Ist der Ort
wichtig, für den Sie etwas schaffen?

Ich komme von hier, und auch wenn ich nie sehr viel im Ruhrgebiet gearbeitet habe, habe ich doch verfolgt, wie es sich erholt hat von den Folgen des Zweiten Weltkriegs und wie man sich hier mit großer Produktivität, aber auch Bescheidenheit und Selbstkritik für die Errichtung einer neuen Republik angestrengt hat. Da ist auch eine Art Stolz.

Sie machen ein Projekt für die Kulturhauptstadt, das mit Bildung zu
tun hat. Glauben Sie an Erziehung, Erziehung zur Musik?

Das Fehlen von Musik in den Schulen, das Fehlen von Musik als Thema, als
etwas zu Studierendes führt zur Verrohung der Gefühle und damit auch der
menschlichen Haltung.

Wie bringt man junge Menschen zur Musik?

Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche Freude daran haben. An dem
schönsten intellektuellen Tun, das es überhaupt gibt.

Kann man Laien und Kindern und Jugendlichen dabei auch
Schwieriges zumuten?

Ich glaube nicht, dass man da generalisieren kann. Jeder Mensch verdient
Hochachtung, Sympathie und Aufmerksamkeit. Der Mensch ist ein Wunderwerk und muss als solches respektiert, unterstützt und gefördert werden.

Ich möchte Sie noch zu einem Detail aus Ihrer "Phaedra" befragen.
Als Phaedra sich umbringen will, hört man Aphrodite, die Liebesgöttin, singen: "Hab Geduld mit dem Tod." Und dazu komponieren Sie eine melodische Aufwärtsbewegung, die man als Zitat ganz gut dechiffrieren kann: Sie stammt aus Bachs "O Ewigkeit, du Donnerwort". Es ist ebenjenes "Es ist genug!", das auch Berg in seinem Violinkonzert zitiert. Unterläuft Ihnen so etwas, oder ist das ein bewusstes Setzen? Ein Herüberwinken von Hans Werner Henze zu Johann Sebastian Bach und Alban Berg?

Ich würde mir nicht erlauben, diesen großen Meistern einfach zuzuwinken.
Aber die Beschäftigung Alban Bergs mit der Klassik und der Vorklassik ist
ein gutes Beispiel für die Tätigkeit eines künstlerischen Menschen, der sich
nicht nur mit dem Heute, sondern auch mit der Vergangenheit beschäftigt
und sie benötigt, um zu bestimmten ausdrucksmäßigen Faktoren zu kommen.

Was bedeutet der Satz "Hab Geduld mit dem Tod", den Aphrodite da singt?

Ich glaube, es ist eine Aufforderung zum Gleichmut vor etwas Unverschiebbarem, Unvermeidlichem.

Sind Sie gleichmütig, was den Tod angeht?

Ja.


Das Interview wurde am 13. Dezember 2008 auf Zollverein geführt und
erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 3. Januar 2009.
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