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Label: "Wir sind die Wiege der Kultur"

der schauplatz ist oberhausen

Ein Gespräch mit Eytan Pessen und Steven Sloane

Eytan Pessen ist Künstlerischer Berater, Steven Sloane Künstlerischer Direktor der Stadt der Künste

Als wir Hans Werner Henze zum ersten Mal trafen, war seine Frage:
"Was fehlt in dieser Region?"Arbeitsgruppen für Utopisten? Betriebsanleitungen für Amateure?
Ein Möglichkeitsmaximum an ästhetischer Erfahrung?
Lauter Sachen, die fehlen, die wir aber haben wollen.
Gehen wir also geistig noch mal zurück an den Nullpunkt dieses Projekts und
stellen die Frage neu: Warum ist das Ruhrgebiet der logische Ort für eine
Hommage an Hans Werner Henze und eine neue Oper für Jugendliche und
mit Jugendlichen?

Warum ausgerechnet Henze?

Steven Sloane:
Die Kulturhauptstadt ist ein Community-Projekt. Mich hat immer fasziniert, wie selbstverständlich Henze die Grenzen zwischen Genres, Epochen und Stilen überspielte. Und wie sehr er Musik als Motor für Veränderungbegriff. Wir haben ihn dann in Italien besucht, ihm von unserer Arbeit erzählt und erste gemeinsame Pläne entwickelt.

Wie viele Stunden Neue Musik werden nun 2010 in der Metropole Ruhr
zu hören sein?

Steven Sloane:
Vermutlich ist "Das Henze-Projekt" die größte Werkschau, die jemals einem lebenden Komponisten zuteil wurde. Jede Woche wird in einem Konzertsaal, einem Opernhaus oder einer Philharmonie der Region ein Werk von Hans Werner Henze auf dem Spielplan stehen – als Manifestation für ein Musikverständnis und eine künstlerische Praxis, die sich kritisch mit Fragen an und für eine nächste Gesellschaft beschäftigt. Ob in Herten, Witten oder Bottrop – zwischen Januar und Dezember kommt keiner in der Metropole Ruhr an ihm vorbei. Henze für alle! Das war unsere Arbeitshypothese.

Eytan Pessen:
Die Idee, Henze in den Mittelpunkt des Musikprogramms zu stellen, traf allerdings am Anfang nicht auf ungeteilte Begeisterung. Die Intendanten und Musikdirektoren hatten ihre eigenen Ideen für das Programm der  Kulturhauptstadt. Es gab eine lange Phase der Überzeugungsarbeit. Henzes Besuch im Ruhrgebiet, seine Gespräche mit den Partnern ergaben dann so etwas wie einen Kippmoment. Der Funke war übergesprungen. Sagen wir mal so: Eine Möglichkeitseuphorie zu erzeugen in einer Region der dauernden Krisen- und Gefahrenangst – das war nicht so ganz einfach. Inzwischen ziehen wir für die Arbeitstreffen in große Industrieräume, so viele Partner zählt das Projekt. Und gerade hier, auf dem Feld des gemeinsamen Handelns, entfaltet sich die besondere Kraft der Unternehmung.

Idealistisch, exzentrisch, genial – das waren Synonyme für Neue
Musik. Wie lässt sich mit einem Werk, das mit allen Traditionen brach,
das als sogenannte "Atombombenmusik" verunglimpft wurde, heute
eine Möglichkeitseuphorie auslösen?

Steven Sloane:
Henze ist ein Universalist. Sein musikalisches Schaffen ist in der Zahl, Vielfalt und Expansion gigantisch. Wir werden es mitsamt seinen frühen Anfängen und späten Folgen präsentieren.
Es gibt viele Komponisten und Dirigenten, die er entdeckt und gefördert hat. Seine Kunst der Vermittlung ist legendär. Es ist interessant zu sehen, dass er kein geschlossenes System oder eine strenge Methodik entwickelt, sondern eine Musik erfunden hat und ja: noch immer erfindet! Sie ist sehr zugänglich und erzeugt einen dichten Zusammenhalt. Die Zuhörer erleben sich nicht nur als Individuen, sondern auch als eine Gemeinschaft. Seine Musik schließt niemanden aus.

Eytan Pessen:
Komponieren ist für Henze eine Angelegenheit des Kontakts mit anderen. Musik bedeutet für ihn Anrede und Dialog. Er gehört nicht zur randständigen Moderne, sondern er war das Zentrum der Avantgarde.

Steven Sloane:
Das Henze-Projekt ist in der Tat kein Raritäten-Festival.
Natürlich werden selten gespielte Werke aufgeführt. Aber das Entdecken ist
nicht die programmatische Mitte. Die Werkschau ist im Kern eine Künstler-
Hommage und ein riesiges Kommunikations-Projekt.
Da liegt die Herausforderung!
Fast vierzig Intendanten, Ballettchefs, Orchesterdirektoren, Festivalleiter haben gemeinsam eine Dramaturgie und einen Spielplan erarbeitet.
Wo gibt’s denn so was?

Das Stichwort fiel schon: Henze und die Kunst der Vermittlung.
Welche Rolle spielen Vermittlung und Education?

Eytan Pessen:
Man trifft auf einen enorm großzügigen Menschen. Sein Musikdenken ist von verschwenderischer Fülle. Seine Gedanken setzen sich in seinen Jugendprojekten und Kompositionswerkstätten fort. Es gibt eine Reihe von Projekten und Programmen, die von seiner Education-Praxis inspiriert sind. "Die Affäre Manon", eine Internetoper, die über 52 Wochen läuft, die Akademie für Komposition "mytunes.nrw". Hier lernen Schüler im Dialog mit zeitgenössischen Komponisten, wie man komponiert. Künstler werden zu Lehrern, Lehrer zu Künstlern.

Steven Sloane:
Natürlich ist es kein Zufall, dass er für die Kulturhauptstadt RUHR.2010 eine Oper für Jugendliche und mit Jugendlichen komponiert.
Kinder- und Jugendprogramme sind häufig das Salatblatt am Schnitzel. In
unserem Buch haben wir das Kapitel "Education Community Komposition"
bewusst an den Anfang gestellt. Montepulciano war ein Modellfall für demokratische Kunsterziehung, von Henze gegründet in einem Bergdorf, aus dem die Jugend wegstrebte. Auch das Ruhrgebiet entwickelt sich heute zu einer Modellregion für kulturelle Bildung.
Die Dortmunder Chorakademie und die Initiative "Jedem Kind ein Instrument" sind wunderbare Beispiele für neue Identitätsquellen. Musik muss sich im kulturellen Bewusstsein noch mehr verankern, als seelischer Reichtum, als eine Möglichkeit, sich als Individuum zu erleben.

Die neue Oper hat den Titel "Gisela oder: Die merk- und denkwürdigen
Wege des Glücks". Gisela – das klingt eher nach einer deutschen Kartoffelsorte denn nach neuem seelischen Reichtum.

Eytan Pessen:
Gisela ist eine deutsche Kunststudentin aus Oberhausen, die sich auf einer Italien-Exkursion in einen italienischen Schauspieler verliebt. Sicher wurde für die Titelpartie nicht ganz zufällig ein sehr deutscher Name gewählt. Am Ende mutiert ihre romantische Sehnsucht zu einer Angstfantasie vor dem Unbekannten – einem sehr deutschen Phänomen. Als wir neulich bei Henze zu Besuch waren und unsere Gedanken kreisen ließen, haben wir ihn aufgefordert, das Thema von "Gisela" in einen Satz zu fassen. Und wie immer, wenn man ihm eine konkrete Frage stellt, war auch diesmal seine Antwort lyrisch und umschweifend. Er wies mit einer Geste auf eine Gruppe verschnörkelter Gartenmöbel: "Diesen Tisch und die Stühle habe ich von Ingeborg Bachmann geerbt. Ich finde sie scheußlich. In ihnen materialisiert sich bis heute die Italiensehnsucht einer Österreicherin."
Seine Handbewegung schloss die Olivenbäume kreisend ein: "Mich interessierte zu beobachten, ob italienische Leidenschaft, ob ein Überschwang an Gefühl im kalten Norden überleben kann."

Steven Sloane:
Die Geschichte ist im Kern ganz einfach: boy meets girl.
Er kommt aus Neapel, sie aus Oberhausen. Es beginnt ein Spiel mit Klischees, die Konflikte türmen sich auf.

Was heißt für Jugendliche und mit Jugendlichen?

Steven Sloane:
Das ist wörtlich zu nehmen. Henze hat sich mit den Jugendorchestern, mit der Chorakademie und den hiesigen Hochschulen getroffen. Er hat viele Gespräche geführt und sich intensiv mit dem künstlerischen Haushalt der Metropole Ruhr beschäftigt. Er und sein Librettist Michael Kerstan wollten nicht in abstracto schreiben und komponieren, sondern für eine ganz bestimmte Situation. Und ähnlich wie die Kinderoper "Pollicino" buchstäblich Schule gemacht hat, ist bei "Gisela" der Modellcharakter von vornherein mitgedacht. Wer Jugendliche für die Kunstform Oper gewinnen will, der hat heute eine schwierige Mission. Das ist eine konzentrierte Anstrengung. Doch man darf diese Möglichkeit nicht allzu selbstverständlich ausschließen. Wir freuen uns, dass Henze die Einladung zu dieser Reise angenommen hat – ohne sich bestimmte Effektstrategien der Jugendarbeit zu eigen zu machen.

Eytan Pessen:
Ein konkretes Beispiel für Henzes pädagogisches Ethos. Wir sprachen über die Orchesterstimmen. Er legte zur Charakterzeichnung Wert auf zwei seltene Instrumente, die Wagnertuba und das Heckelphon. Wenn man nun streng wäre und zwischen dem Praktikablen oder Nicht-praktikablen Unterschiede, dann käme man schnell zu dem Ergebnis, dass man kein Jugendorchester findet, das dieses Instrument spielt, und man es besser nicht damit überfordert, indem man auf einem Heckelphon besteht. Ganz anders Henze. Er empfindet einen besonderen Reiz darin, ein so seltenes Instrument wie das Heckelphon anzubieten. Im Kern geht es immer wieder um das Gleiche: Neugierde wecken, Grenzen überschreiten, Entwicklungen fördern.

Unser Kulturbetrieb legitimiert sich derzeit stark über Leistung, Wettbewerb und die nervöse Suche nach Neukunst. Sie erfüllen diese Erwartungen nicht. War das schwierig durchzusetzen?

Steven Sloane:
Wir haben für das Programm der Darstellenden Künste bewusst Projekte und Formate entwickelt, deren Effekte wir erst lange nach 2010 spüren werden, weil sie auf Generationenverantwortung und zivilgesellschaftliches Potenzial setzen.

Gibt es eine Ästhetik der Nachhaltigkeit?

Steven Sloane:
Davon bin ich überzeugt. So wie wir heute Produkte mit einer guten Umweltbilanz kaufen, sollten wir dahin kommen, dass Kulturinstitutionen in Zukunft eine Bildungsbilanz veröffentlichen müssen. Das Neue ist noch kein Wert an sich. Gezielte Rückblicke auf Anfänge und Ursprünge können wichtige Impulse für die Gegenwartskunst geben.


Das Gespräch führte Marietta Piekenbrock.