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Idee der Kulturhauptstadt Europas

Die Gründerväter der Europäischen Union werteten die Kultur noch nicht als probates Mittel der europäischen Integration. Weder die Verträge der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS, 1951) noch der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG, 1957) sprachen sich zu Kultur im eigentlichen Sinne aus. Als EGKS und EWG im Jahr 1967 zur Europäischen Gemeinschaft (EG) fusionierten, wandte der EG-Vertrag einen sehr engen Kulturbegriff an und sah eine Förderung der Kultur nur vor, wenn sie „die Handels- und Wettbewerbsbedingungen in der Gemeinschaft nicht in einem Maß beeinträchtigt, das dem gemeinsamen Interesse zuwiderläuft“.

Das Umdenken in Sachen Kultur vollzog sich in der EG bzw. EU nur langsam und in mehreren Schritten. So richtete die EG-Kommission 1973 eine für Kulturfragen zuständige Dienststelle ein. Der Vertrag von Maastricht (1992) enthielt dann erstmals einen Artikel zur Kultur, der fünf Jahre später weiter ausgebaut wurde. Die EU entdeckte die Kultur also doch für sich, obwohl die Kultur oftmals nur als wirtschaftlicher Standortfaktor herangezogen wurde. Immerhin erklärte EU-Präsident José Manuel Barroso 2004: „Culture comes before economy.“ Im Mai 2007 verabschiedete die Kommission eine Europäische Kulturagenda im Zeichen der Globalisierung. Hauptziele der Agenda sind die Förderung der kulturellen Vielfalt und des interkulturellen Dialogs, die Förderung der Kultur als Katalysator der Kreativität und die Förderung der Kultur als Bestandteil der internationalen Beziehungen der Union. Diese Ziele decken sich mit den Ergebnissen einer Umfrage bei EU-Bürgern aus 27 Mitgliedsstaaten im Frühjahr 2007: 88 Prozent der Befragten halten den kulturellen Austausch für wichtig und fordern die EU auf, den interkulturellen Dialog zu fördern. 76 Prozent sehen die kulturelle Vielfalt als das zentrale Merkmal Europas an und glauben, dass diese Vielfalt der europäischen Kultur noch mehr Gewicht verleihe. Mit ein Hauptgrund dafür, dass sich bei den EU-Bürgern ein europäisches Kulturbewusstsein entwickelte, war die Titelvergabe der Kulturhauptstadt Europas.

Die Idee, Europa müsse in jedem Jahr eine Kulturhauptstadt haben, entwickelte in den 1980er Jahren vor allem die damalige, äußerst populäre Kulturministerin Griechenlands, Melina Mercouri. Zusammen mit ihrem nicht minder profilierten französischen Kollegen Jack Lang wollte sie der Kultur in Europa mehr Bedeutung verschaffen. Die Kulturhauptstadt sah Mercouri als eine neue Art an, mit der sich Europa darstellen und finden könnte. Und so setzte sie die zunächst von offizieller Seite eher belächelte Idee durch. Was 1985 mit einem Etat von nur 7,7 Millionen Euro in Athen als erster  Kulturhauptstadt Europas begann, ist heute zu einem Erfolgsmodell für das europäische Selbstverständnis geworden.

Blicken wir zurück: Waren es zunächst die klassischen europäischen Kulturzentren wie Athen, Paris, Florenz und Berlin, die für das Konzept standen, um die Idee überhaupt zu etablieren, veränderte sich das Selbstverständnis des Wettbewerbs mit der Kandidatur Glasgows für das Jahr 1990 grundlegend. Dort verwandelte das Kulturhauptstadtjahr das Image der Stadt und das Bewusstsein ihrer Bewohner fundamental und langfristig. Die damals geschaffenen Strukturen wirken bis heute nach. Städte, „Submetropolen“ wie Lille und Rotterdam haben diese Vision mit teils großem Erfolg aufgegriffen.

Die Erweiterung der Europäischen Union veränderte das Konzept der Kulturhauptstadt erneut. Das Scheitern der europäischen Verfassung und die nachfolgenden Probleme zeigten, dass Politik alleine nicht mehr in der Lage ist, die Idee Europa zu kommunizieren. Und so rückte die Kultur in den Mittelpunkt des Interesses. Hier hoffte man, beispielhafte Modelle vorstellen und anbieten zu können, die bei aller kulturellen Vielfalt glaubwürdig die einigende visionäre Kraft des „alten Europa“ bündelten. Kultur wird zum zentralen Identitätsfaktor. Die Idee der Kulturhauptstadt Europas und ihre Reformierung gewinnen dabei immens an Bedeutung: seit 2007 wird jeweils eine Stadt aus den alten und den neuen Mitgliedsländern nominiert. Außerdem hat die Europäische Kommission die EU-Grenzen zu einem europäischen Kulturraum geöffnet. Jetzt können sich auch Städte wie Stavanger, Istanbul oder Kiew als Kulturhauptstadt Europas bewerben, obwohl sie nicht Mitglied der EU sind.

Es ist mittlerweile unter den nominierten Städten und Regionen Konsens, dass der wesentliche Gedanke der Kulturhauptstadt die Nachhaltigkeit ist. Es geht nicht mehr um ein interessantes, flirrendes Jahresereignis, um ein auf Jahreslänge ausgeweitetes europäisches Stadtfestival. Es geht um eine neue Positionierung der Kultur in der urbanen Gesellschaft, es geht um ein Nachdenken darüber, welche Rolle die jeweilige Stadt oder Region durch ihre kulturelle Kraft im gemeinsamen Europa spielen möchte, was sie Europa anzubieten hat. Eine entsprechende Erklärung aller nominierten Kulturhauptstädte wurde bei einem Treffen in Essen im April 2007 veröffentlicht.

Mit Blick auf diese größeren Zusammenhänge wird Kultur als wesentlicher Teil auf der Karte Europas wahrnehmbar. Jedes Kulturhauptstadt-Jahr wird so auch zum Spagat zwischen seiner lokalen Bedeutung und der Öffnung zum europäischen, ja globalen Dialog. Die Kulturhauptstädte können hier viel voneinander lernen. Deswegen ist der Dialog untereinander ein fester Bestandteil der internationalen Arbeit geworden.

Die Konzeptionen der Bewerberstädte bis 2019 zeigen wieder neue Tendenzen. Was RUHR.2010 begonnen hat, wird sich weiter entwickeln. Themen wie Migration, Kreativwirtschaft, Kommunikation und Umwelt werden stärker und radikaler aufgegriffen werden.